Von Liebe und Macht

EN: Auf Ihrer Internetseite schreiben Sie, dass die Liebe die Angst besiegt - oder es sollte. Sie schreiben in Ihren Büchern über Macht und Mord. Bedienen Sie damit die Bedürfnisse Ihrer Leser oder schreiben Sie was Ihnen gefällt?

 

Kempff: Sie haben recht: die Liebe sollte die Angst besiegen. Im privaten wie im öffentlichen Leben. Das hehre Ziel ist aber schwer zu erreichen, wie uns die Geschichte, die ältere und die sehr aktuelle, immer wieder vor Augen führt. Aus Angst wird zugeschlagen, werden Morde begangen. Wer Macht innehat, kann Wohltaten verrichten oder Verheerungen anrichten. Ich schreibe darüber, weil mich diese Themen selbst interessieren und ich gerne Geschichten erzähle. Ob ich damit den Bedürfnissen der Leser entgegenkomme, mögen diese selbst beurteilen. Ich hoffe, dass ich sie gut unterhalte.

 

EN: Sie sind von der Lust am Schreiben zum Journalismus gekommen und haben erst später begonnen Romane zu verfassen. Was treibt Sie heute an?

 

Kempff: Außer meiner Freude am Schreiben auch noch mein Verlag, mein Agent und mein Lebensgefährte.

 


EN: In Ihren Lebenslauf finden sich Stationen ihres Lebens und Erlebens – wie San Francisco, Berlin, Helsinki – auch Bonn – und die Eifel. Sammeln Sie aus dem konkreten Lebensumfeld Stoff für Ihre Geschichten?

 

Kempff: Selbstverständlich. Das gilt sogar für meine historischen Romane. Ich schöpfe aus der eigenen Lebenserfahrung, aus der anderer, aus der Atmosphäre einer Umgebung und bin immer etwas unglücklich, wenn ich einen bestimmten Schauplatz nicht selbst in Augenschein nehmen kann. Deshalb habe ich mich für mein neues Buch auch auf die Spuren der Katharer in Südfrankreich begeben. Die Rebellin von Mykonos spielt auf der griechischen Insel, auf der ich selbst jahrelang gewohnt habe; in Die Schattenjägerin schildere ich, wie die Wittelsbacherin Jakoba von Bayern die von ihrem Vater ererbten “niederen Lande” verlor. Da konnte ich ebenfalls vor Ort recherchieren, da ich dreizehn Jahre in Amsterdam gelebt habe. Und meinen zeitgenössischen Roman, der ursprünglich unter dem Titel Die Frau, die nichts tut erschien und jetzt als Die Eigensinnige im Handel ist, betrachte ich nicht als autobiografisch, sondern als autogeografisch, da sich die Handlung in Amsterdam, Finnland und Berlin abspielt.

 

EN: Während Ihres Aufenthalts in Amsterdam erscheint Ihr erster historischer Roman „Die Marketenderin“ erst 1998 – nach langen Jahren als Redakteurin und Übersetzerin. Dann geht es Schlag auf Schlag. (Initialzündung?)

 

Kempff: Nein, spätes Glück. Ich hatte schon zuvor diverse Romane geschrieben, für diese aber nie einen Verlag gefunden. Die Marketenderin hatte ich auf Anregung eines Cousins geschrieben, der selbst Verleger war und den Weitbrecht Verlag in Stuttgart für den Roman interessieren konnte. Die Geschichte unserer gemeinsamen Vorfahrin, die als Marketenderin 1812 mit Napoleon nach Russland zog, fand viele Leser, die danach mehr von mir lesen wollten. Ich bin froh, jetzt vom Bücherschreiben leben zu können, aber dafür muss (und möchte) ich weiter schreiben. Aus der Berufung ist eben auch ein Beruf geworden.

EN: Als Sie in der Eifel waren, haben Sie einen Kriminalroman geschrieben.

 

Kempff: Und meine Karolinger-Frauen-Trilogie, Die Königsmacherin, Die Beutefrau und Die Welfenkaiserin. Auch hier hat meine Umgebung den Anstoß gegeben, nämlich die Information, dass Karl der Große vermutlich in Prüm in der Eifel geboren wurde. Der Krimi war eine wunderbare Erholung nach einem jahrelangen Aufenthalt im Frühmittelalter. Vermutlich werde ich in Zukunft zwischen beiden Genres pendeln.

 

EN: Ihre Protagonisten sind meist Frauen – historische und besonders facettenreiche Figuren. Können Feministinnen von diesen Persönlichkeiten lernen? (Passen Ihre Frauen in unsere Zeit?)

 

Kempff: Ich schreibe nicht, um zu belehren, auch wenn ich selbst bei der Recherche sehr viel lerne und mich freue, diese Erkenntnisse schön und unterhaltsam verpackt weiterzugeben. “Meine” Frauen haben alle ein historisches Vorbild und sind aus ihrer eigenen Zeitgeschichte heraus zu verstehen. Die mühe ich mich aber so zu schildern, dass wir uns heute darin auch wiederfinden können.

 

EN: Sie entführen den Leser in eine historische Vergangenheit – und relativieren damit das Heute unserer Gesellschaft (die heutigen Moralvorstellungen)?

 

Kempff: Natürlich können wir die mittelalterlichen Lebensumstände mit den heutigen kaum vergleichen. Doch grundlegende Wünsche und Sehnsüchte haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert. Aber nicht nur darin ist sich der Mensch treu geblieben. Wenn Ludwig der Fromme mit den historisch überlieferten Worten “Gott steht auf unserer Seite” zu einem Krieg aufruft, kommt uns das heute doch auch recht bekannt vor, oder nicht? Und ist vielleicht auch ein trauriger Beweis dafür, dass der Mensch aus der Geschichte wenig zu lernen weiß.

 


EN: In Ihrem neuen Roman „Die Kathedrale der Ketzerin“ (2010) berichten Sie von der Verfolgung der Katharer, von Clara, die dem Inferno entkommt – und Ihrer Freundschaft mit Blanka von Kastilien, die auf eine schwere Probe gestellt wird. Sie kritisieren die Kirche und stellen die Unzulänglichkeit des Menschen – dessen Zwänge und Schwächen – in den Mittelpunkt?

 

Kempff: Ich kritisiere nicht die Kirche als solche, sondern schildere, wie es zur fürchterlichen Einrichtung der Inquisition kommen konnte – weil die römisch-katholische Kirche des Mittelalters um ihre Macht fürchtete. Zwänge und Schwächen des Menschen, aber auch seine Kraft, diese überwinden zu können, sind der Stoff, aus dem gute Romane gemacht werden sollten, finde ich.

 


EN: Welche Rolle spielt für Sie Gott und die Religion heute - sind Sie nur dramaturgisches Mittel für Ihre Texte?

 

Kempff: Auch auf die Gefahr hin kitschig zu klingen: Ohne Herzblut geht bei mir gar nichts. Die Frage nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum beschäftigt mich erheblich mehr als ein Kalkül der Dramaturgie. Und wer sich mit dem europäischen Mittelalter beschäftigt, muss sich auch mit der Entwicklung der Religionen auseinandersetzen, vor allem mit der des Christentums. Dem Schreiben meines Buchs Die Kathedrale der Ketzerin ist unter anderem ein gründliches Bibelstudium vorangegangen.


EN: Was ist Ihr nächstes Projekt/Buch ?

Kempff: Mein zweiter Eifelkrimi. In ihm geht die Geschichte von der Einkehr zum tödlichen Frieden weiter. Ich habe ihn gerade abgeschlossen. Er wird im Dezember unter dem Titel Pendelverkehr bei Piper erscheinen.

 

Frau Kempff – Vielen Dank!

Die Frangen stellte Karl-Peter Gerigk für "Europa-Nachrichten"