Gespräch mit dem Musiker, Maler und Poeten Michael Gottschalk aus Sinzig am Rhein

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Michael Gottschalk in seinem Atelier im "Haus Morandi" in Sinzig


"Der Mensch wird formatiert"

EN: Etwas vor dem vereinbarten Zeitpunkt stehe ich vor dem "Atelierhaus Morandi“ - in Sinzig. Ein kleines Schild an der Tür in der Renngasse zeigt mir, dass ich richtig bin. Ich klopfe. Michael Gottschalk öffnet mir die Tür – und bittet mich einzutreten. In der Ecke stehen Gitarren – an der Wand des Wohnzimmers hängen selbst gemalte Bilder.

Gottschalk: „Kunst ist für mich wie essen und trinken, Notwendigkeit des Lebens und der Entwicklung. Früh habe ich als Kind gezeichnet, Fabelwesen erfunden. Später wollte ich dann auch Schreiben und Musik machen. Dabei bin ich nicht den verschulten Weg gegangen. Ich habe mir das Meiste autodidaktisch angeeignet“, sagt Michael Gottschalk. „Die Grundbegriffe des Zeichnens und Malens hat mir aber Professor Spies von der FH Köln beigebracht. Dort habe ich zwischen 1990 und 1996 Architektur studiert. Schon vorher verquikten sich die Formen meines Ausdrucks. Mit 12 Jahren begann ich mit den ersten Gedichten in freier Form. Die Musik von Bob Dylan und Johnny Cash inspirierten mich zu den ersten eigenen Songs – mit etwa 15 Jahren, das war Anfang der 1980er Jahre.


EN: Die Grenzen zwischen den Kunstformen verschwimmen – betrachtet man ihre Bilder, die zurzeit in M.A.SH – dem Modern Art Showroom in Remagen zu sehen sind. Sie sind Musiker, malen und schreiben, um Emotionen zu wecken?

Gottschalk: „Ich will den Charakter der Musik abbilden – die Gefühle fixieren, die Musik zu erzeugen imstande ist. Die Interpreten spielen eine weniger große Rolle. Auch wenn Sie auf einem Bild Leonard Cohen erkennen – mir geht es nicht darum, eine Riege von Stars zu malen. Das Detail im Moment der Darstellung der Musik ist mir wichtiger“, sagt Gottschalk.

 

EN: Gottschalk arbeitet Tiefenstrukturen heraus, und gestaltet die Kleinigkeit derart genau, dass eine lebendige Anschauung entsteht. Er malt plastisch, so realitätsnah, dass eine lebendige Struktur gewoben wird – zwischen Musik und Malerei – und Text. An den Volumina der Fläche entsteht ein Spannungsverhältnis zur Präzision im Detail. Das Bild ist wirklichkeitsnah – aber konstruiert. Sieht der „naive Beobachter“ den Jazz-Interpreten, dann will er Louis Armstrong auch spielen hören, oder Michael Gottschalk. Gottschalk ist selbst ein genauer Beobachter, schöpft seine Idee aus der Betrachtung.

Gottschalk: „Ich habe eine Ausbildung als Bauzeichner. Sie lernen – das jeder Strich seine Bedeutung hat. Doch besteht immer die Gefahr, dass sie ein Bild „tot malen“ – dass es zu perfekt wird, besessen von einer konstruktiven Exaktheit – die es dann nur in dieser Abbildung gibt. Die Wahrnehmung ist selektiv. Der Mensch reduziert mit seinem Streben nach Perfektion die variable Kreativität und Schönheit der Natur in eine Funktion. Natur ist aber Gesamtheit und ihre Funktionalität ist Vielfalt,“ erklärt Gottschalk – und weiter: „...ich versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrierten, nur eine Facette aufzugreifen – ohne den Blick für das Ganze zu verlieren.“

 

EN: Was ist die Botschaft?

Gottschalk: „Ich möchte den Betrachter dazu führen, inne zu halten, sich zu konzentrieren. Deswegen hebe ich den Aspekt hervor. Wir leben oftmals viel zu schnell und vergessen, übersehen Einzelheiten, die erst ein Gesamtbild ergeben. Für mich ist die Kamera das Skizzenbuch. In dem Augenblick, in dem ich etwas mit dem Fotoapparat festhalte – habe ich ein Element für die Komposition – das ich dann weiterentwickle.

 

EN: Entschleunigung ist ein Modethema?

Gottschalk: „Ja – aber es gibt Ursachen für diese Mode. Das Tempo wird gemacht. Dem Menschen wird ein Format vorgegeben – für sein Denken, sein Tun – und sein Fühlen. Es verliert sich die Eigenart, die Persönlichkeit...und die Gesundheit. „Burn-Out“ ist das Symptom einer erkrankten Gesellschaft, in dem der Einzelne im Produktionsprozess seine Wesenhaftigkeit verliert – zum Nutzen eines abstrakten Mehrwertes. Den Augenblick der Eigenerfahrung, die Konzentration auf das Selbst, will ich ein Stück weit zurückgeben.

 

EN: Herr Gottschalk – Vielen Dank!

 

Die Ausstellung von Michael Gottschalk ist noch bis zum 25. August 2013 in den Räumen des M.A.SH – „Modern Art Show-Room“ in Remagen zu sehen. Öffnungszeiten sind Samstag und Sonntag von 14:00 bis 17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

 

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Das Gespräch führte Karl-Peter Gerigk

 

 

 

Gedichte von Michael Gottschalk:


Der Blick des Malers


Ihr Mauern,

gebürstet von Jahrhundertwinden,

gebrannt von tausend Sonnen,

füllt den Kelch meiner Erinnerung.


Es blüht euer Alter in meinen Gedanken.

Wie ausgegossen das Licht

über dem Hort gebrochner Farbe.

Vom Rot des Abends kostet ihr

und schwindet, sterbt so ewig schön

im Staub der Dämmerung.


Noch hält der Blick des Malers euch umschlungen,

tastend seine Hand nach einem Geheimnis,

das ihr nicht preisgebt. Wie

schweigen eure Testamente

schmerzvoll ihm entgegen.



Sehnsucht lauschen


Gehen auf Stelzen, wir

üben das Alphabet der Verbindlichkeit,

Hochmut härtet aus.

Die niederen Tage haben Durchzug

von Entfernung zu Entfernung

nichts als gehäckselte Luft.

Die juristischen Fangfragen im Schlepptau,

Zwergentanz und die Forderung

immer neuer Messpunkte für die Ingenieure.

Das Amt für seltene Bedürfnisse

hat keinen Platz für Eigensinn und

das Denken im Gleichschritt

macht so schläfrig.

Mein Mund archiviert Textbausteine, Fütterung!

Formlose Masse, mich schaudert.

Gelehnt an die Regelwerke der Vernunft

bin ich ein Fremdkörper geblieben und

rolle die dunkle Fahne der Erinnerung aus.

Will mich sammeln,

Sehnsucht lauschen.