Kommentar: Jonathan Meeses Tipp-Fehler - ist keiner!

 

Genau Herr Meese: Der Tipp-Fehler

von Karl-Peter Gerigk

Als ich in der Kneipe die Rechnung bestellte – staunte ich nicht schlecht, als der "Halfe Hahn" – mit meinen Kölsch´ zusammen 7 Euro fünfzig – oder anders: 7.50 Euro kostete. Es war mir etwas zu teurer – aber ich sagte: "aufrunden". Was ich auf meinen Zwanziger zurück bekam, waren 10 Euro: Zehn Euro – die Kellnerin bedankte sich herzlich – und eilte von dannen. Meine weibliche Begleitung sagte: - das war zu viel. Ich war etwas verduzt. Nun sollte man wissen, dass 10 Prozent Trinkgeld im Allgemeinen bei Kleingerichten und geringem Aufwand für den Service genug sind. Aber ich fühlte mich im Ambiente des "Früh" in Köln wohl, der Köbes schenkte aufmerksam nach – und ich gab gerne.

 

jonathan_meese.jpg Jonathan Meese, Foto: berlin.de

Ach ja – "Tip" – ist der Kellner-Slang für Trinkgeld. Wo lag jetzt der "Fehler" – war er überhaupt einer? Oder hatte mich die hübsche Kellnerin... – auch muss man wissen, dass es im Früh in der Regel nur den "Köbes" gibt – falsch verstanden. Dann kam der Köbes und wollte Siebeneurofünfzig. Ich stellte fest, dass die Kellnerin, die ich in der Tat vorher nicht gesehen hatte, wohl nur zufällig vorbei kam, wohl von einer anderen Stelle – mit Kellner-Börse – und spontan regagierte – als ich "zahlen bitte" rief. So zahlt man Lehrgeld!

 

Was ist nun „Tipp-Fehler“? Deutlich zu unterscheiden ist der Tipfehler von dem Tipp-Fehler und dieser von dem orthographischen Rechtschreibefehler. Das Vertippen geschieht flüchtig, wegen Schnelligkeit oder Beschleunigung durch andere – ist auf jeden Fall unbeabsichtigt – und...wirklich? Wie schreibt man Vernissage: vernis-sage, Wernissage, Wernis Sage oder Wernis-Arsch: Verzeichung!

 

Der Tippfehler ist zufällig, unbeabsichtigt und ärgerlich – oder doch beabsichtigt, gesetzt und provokativ – künstlerisch: Was sind Fehler?: Sie sind Abweichungen von der Norm – auch weil man Aufmerksamkeit erregen will. Der Hitlergruß von Jonathan Meese ist eindeutig Kunst – wie heute, den 14. August 2013, gerichtlich festgestellt. So bedarf es in der Tat der Recht-Schreibung, um jemanden von dem Verdacht des Nazis-mus loszusprechen...auch vom Narzismuß? Doch was ist der Fehler?

 

Schließlich ist die Durchbrechung der Norm bei Ernst Jandl offenkundig. Der Fehler ist menschlicher Ausdruck – wie die Form, mit Fehlern umgehen zu können und der sprachlichen Virtuosität sie zu vermeiden und zu setzen. Dies ist in anderen Zeichensprachen nicht anders. Aber was ist – wenn Zufälligkeiten, systembedingte Fehler-Erscheinungen psychischer oder technischer Natur neben der Zufälligkeit Regelmäßigkeit produzieren – gesellschaftlich, dudenmäßig? Wird dann der Fehler zur Norm? Oder ist der Fehler Botschaft, wenn er ab der Norm Ärgernis erzeugt? Er ist wohl nicht mehr wirklich Fehler, wenn er kein Interesse erzeugt, aber ist er dann noch Fehler – im Ausdruck? Die Kellnerin war wohl Wirt-uos ...aber nur nicht zu deutlich werden – denn der Fehler muss wirken! Gelacht hat sie nicht – aber gelächelt! Ist falsches Reden, Schreiben Tun – dann noch Protest, wenn es unbeachtet bleibt? Wann wird Protest Mode und ist der revolutionäre Gedanke modern? War ihre Täuschung gerechtfertigt – oder schlicht klever: Falschheit oder Lebensgeschicklichkeit?

 

Es ist wohl klar, dass gerade dort, wo Fehler Verständlichkeit eingrenzen – diese Fehler-Erscheinungen fehl am Platze sind – Oder?: - es sei denn, sie sind Ausdruck von Unbehagen – mit der persönlichen oder gesellschaftlichen Situation. Gänzlich absurd wird der Fehler dort, wo er im mathematischen Zusammenhang die Explikation und das Verstehen erschwert oder gänzlich unmöglich macht. Er erzeugt Beschäftigung – hoffentlich! Hier verwischen die Grenzen von exakter Wissenschaft und Kunst – hier schließt Kunst Naturwissenschaft ein – und umgekehrt.

 

Natur ist nicht fehlerlos – ganz wie man es sieht: - aus evolutionären oder aus moralisch-edukativen Gründen. Schließlich soll nicht mehr erschließbar sein, was Tipp- und was ungewollter Rechtschreibefehler ist – auf das der Mensch hier denke! Die Dechiffrierung wird obsolet bis unmöglich – der Fehler erzeugt in mannigfaltiger Wiederholung seiner Absicht Obsoleszenz – ist, wenn er zu Norm wird, in seiner Bedeutung degradiert – oder erhält gerade deswegen eine Sinndeutung. Der Sinn vergeht – oder gewinnt hier erst Bedeutung – ergibt sich neu – durch Verstehen des Gesamtzusammenhangs. Wer sich aber in Erbsenzählerei vergeht – verliert Sinn – den eigenen – Was bin ich, warum tute ich was....? In diesem Sinne gibt es keinen Fehler – auch kein künstlerisch Falsches – oder Aufmerksamkeit heischendes Tun in der Kunst – sondern Sinnstiftung oder Sinnentleerung. Vervielfältigung und maximale Häufigkeit ist im Sinne der Kunst Kitsch – im Sinne der Demokratie die Mehrheit -  von Kunstfehlern in allen Wissenschaften ganz zu schweigen! Es ist aber ein Problem, wenn der Kunstfehler ein Paradigma wird - oder unbegründbares Dogma - im Erkennen dessen liegt aber die Chance! Bravo Herr Meese!

Haben Sie schließlich eine Anzahl vom Mustern des gleichen Motivs - was ist Original und was Fälschung? Was ist fehlerhaft - was meisterhaft? Ist es die Mehrheit die Qualität bestimmt - oder der Experte - der Fachmann, der Expertise macht - oder der Modegeschmack und das Gewinnmaximum, das Erfolg kennzeichnet. Und was ist dann gut?!

Hier ist ein Diktat – : also da sagt einer, der Chef – der Sekretärin, was sie schreiben soll,- und der Duden wie... - der Kunst nur insoweit zu billigen – als sie den Sinn eines Objektes – sei es des Wortes, des Bildes und der Tat, in den Zusammenhang des Menschseins stellt. Ja – Herr Meese! Es ist eine Interpunktion in der Kunst! In diesem Sinne ist die Vielheit der Falschheit nur dann Fehler – wenn überhaupt – wenn sie dem Menschlichen widerspricht. Nietzsche sagte im Dämmerzustand seiner letzten Jahre – der teilweise unterstellt war – und keine Demenz – vielleicht ein Grad des Nirvana´: Es ist die Kunst, die Kunst – und nur die Kunst!