Interviews

"Es gab einmal eine Riesenkultur der Malerei, und die ist weg"

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art-Exklusiv-Interview mit Gerhard Richter, der die Gegenwartskunst kritisiert  

Hamburg (ots) - Nur selten spricht Gerhard Richter, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, über seine Kunst. Für das Magazin art machte er eine Ausnahme. Im Gespräch gibt der Künstler Auskunft über neue Projekte, den Abschluss des "Atlas" und seine Abkehr von der Malerei. Er rechnet außerdem bitter mit der heutigen Kunst ab.

Mit 81 Jahren ist Richter skeptisch wie eh und je - aber auch ebenso produktiv. Das Arbeitspensum hat er kaum reduziert, es entstehen frische Werke für zwei Ausstellungen im Herbst. Das Dresdner Albertinum zeigt neue Streifenbilder, Skulpturen aus Glasscheiben und Hinterglasbilder. Die Streifenbilder entstehen, indem der Künstler Ausschnitte aus früheren abstrakten Bildern immer weiter bearbeitet. Man kann Gerhard Richters Karriere so verstehen: als Bewegung weg von der Malerei oder als Versuch, ihr etwas nachfolgen zu lassen.

Das Münchner Lenbachhaus präsentiert den kompletten "Atlas" inklusive der neuen - und offiziell letzten - Tafeln. Es ist jenes Monumentalwerk aus Studien, Vorlagen und Entwürfen, das seit 1962 neben den großen Arbeiten entsteht und das jetzt abgeschlossen werden soll. Manches im "Atlas" ist zu großer Kunst geworden, etwa die unscharfen Bilder der RAF-Mitglieder, die zum berühmten Zyklus "18.Oktober 1977" wurden.

Die Freude an der Kunst war bei Richter immer begrenzt durch berechtigtes Misstrauen. Die Kunst von heute sei arg verwahrlost, resümiert der Maler. "Es gab einmal eine Riesenkultur der Malerei, und die ist weg. Ich bin dagegen ein armes Kerlchen mit meinem sogenannten Talent. Ein Foto abzumalen, das ist wirklich billig gegen das, was ein Tizian gemacht hat."

Außerdem im Heft: art kompakt "Kunstsaison" - Große Ausstellungen und Geheimtipps, Messen und Galerien: Die art-Redaktion hat die internationalen Höhepunkte des Kunstgeschehens für den kommenden Herbst und Winter (Oktober bis Januar) recherchiert, ausgewählt und kommentiert.

Das vollständige Interview mit Gerhard Richter ist in der aktuellen Ausgabe von art zu finden, die ab morgen zum Preis von 9 Euro im Handel erhältlich ist.

art ist Europas größtes Kunstmagazin und Marktführer im Segment der Kunstzeitschriften. Die monatlich erscheinende Zeitschrift informiert auf journalistisch anspruchsvolle, verständliche und unterhaltsame Weise über alle wichtigen Ereignisse, Entwicklungen und neuen Trends der internationalen Kunstszene. Neben Malerei, Plastik und Architektur wird auch über jüngere Gattungen wie Fotografie, Videokunst, Design und CrossCulture berichtet.

 

Quelle: art

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PSYCHOLOGIES kommt nach Deutschland

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PSYCHOLOGIES - Eines der größten und erfolgreichsten Magazine Frankreichs kommt im November 2013 nach Deutschland

   

München (ots) - Der Münchner MADAME Verlag lanciert im November die deutschsprachige Ausgabe eines völlig neuartigen Frauenmagazins im Premiumsegment: PSYCHOLOGIES - das Magazin für "ein besseres Leben". Mit einer verkauften Auflage von mehr als 350.000 Exemplaren und einer Reichweite von mehr als 2,5 Mio. Leserinnen, ist PSYCHOLOGIES einer der größten Erfolge der letzten Jahre im französischen Medienmarkt. Dank eines innovativen 360° Ansatzes, eines sehr erfolgreichen Webauftritts mit 2,3 Mio. Unique Usern, diverser Apps und mobiler Angebote, ist die Marke auch digital sehr erfolgreich. Die deutsche Lizenz des französischen Medienunternehmens "Groupe Psychologies", ein Tochterunternehmen der "Lagardère Gruppe", wird periodisch erscheinen. Unter der redaktionellen Führung von Jenny Levié, baut der im Luxussegment etablierte MADAME Verlag damit sein Portfolio weiter aus. Die international erfolgreiche Marke PSYCHOLOGIES erscheint mit Start in Deutschland in acht Sprachen und neun Ländern.

"Die Zeit ist reif für die deutsche Ausgabe von PSYCHOLOGIES", freut sich Robert Sandmann, Geschäftsführer und Herausgeber MADAME Verlag, und ergänzt: "Es gibt keinen vergleichbaren deutschen Titel auf dem Markt. PSYCHOLOGIES verbindet den intellektuellen Anspruch einer "ZEIT"-Leserin mit dem femininen Informations- und Service-Charakter eines Premium-Frauenmagazins sowie der Optik eines Luxus-Magazins wie zum Beispiel MADAME. Mit PSYCHOLOGIES ergänzen wir unser Zeitschriftenportfolio um eine weitere exklusive Marke mit internationalem Anspruch und setzen damit unsere dynamische Expansionsstrategie konsequent fort."

In Zeiten von Globalisierung, Schnelllebigkeit und allgemeiner Unsicherheit bezüglich Beruf oder Partnerschaft suchen Menschen nach Orientierung, Sinn und mehr Zufriedenheit im Leben. Das weltweit erfolgreiche Magazin spricht Themen wie beispielsweise "Was ist wahre Freundschaft?", "Wie sage ich, was ich will!" oder "Wie stark ist meine Beziehung wirklich?" an und bietet der Leserin dabei einen qualitativ und inhaltlich sehr hohen Anspruch. Philosophen, Psychologen, Autoren und Wissenschaftler vermitteln fundiertes Wissen und bieten Orientierung. PSYCHOLOGIES-Chefredakteurin Jenny Levié: "Das Wort Psychologie kommt ja aus dem Griechischen und heißt frei übersetzt 'Lebenslehre'. Rein wissenschaftlich beschreibt und erklärt die Psychologie das Erleben und Verhalten des Menschen - um beides geht es in unserem Magazin. Die Leserin und ihr Vertrauen ins Leben stehen dabei im Mittelpunkt. Gewachsene Selbstverantwortung, Integrität, Sensibilität oder das Bedürfnis 'runterzuschalten' sind Themen und Werte, für die PSYCHOLOGIES steht - die Themen unserer Zeit", und ergänzt: "Das Heft bietet zudem einen gut sortierten Überblick über den hochwertigen Beauty- und Pflege-Markt. Die Produkte sind alle hochwertig und mit Bedacht empfohlen. PYCHOLOGIES hat nicht nur einzigartige Inhalte, sondern auch Stil! Das Heft zeigt die Welt der Leserin und bereichert sie mit weiteren Ideen, natürlich auch bei Themen wie Literatur, Kunst & Kultur, Nachhaltigkeit und Ernährung - alles immer mit Anspruch."

"Mit der November-Ausgabe testen wir einen ganz neuen Markt", so Robert Sandmann. "Die PSYCHOLOGIES-Zielgruppe liegt zwischen 30 und 60 Jahren, verfügt über ein sehr hohes Bildungsniveau, ein hohes HNE, eine ausgeprägte soziale und emotionale Intelligenz. Ein herausragendes Charakteristikum aller internationalen Ausgaben von PSYCHOLOGIES ist es, dass 50% ihrer Leserschaft kein anderes Frauenmagazin lesen. Wir gehen davon aus, dass PSYCHOLOGIES auch im deutschen Markt in Teilen eine ganz neue Zielgruppe öffnet."

PSYCHOLOGIES Deutschland ist mittel- und langfristig als multimediale Marke angelegt. So erscheint mit der ersten Ausgabe auch ein Emag. Im Laufe der Zeit wird sich die gesamte Marke durch den Launch der deutschen PSYCHOLOGIES-Website und verschiedene Social-Media-Aktivitäten sowie zusätzliche Live-Events zu einer starken Interaktionsplattform entwickeln.

Die erste deutschsprachige Ausgabe von PSYCHOLOGIES startet mit einer Druckauflage von rund 150.000 Exemplaren, 148 Seiten und einem Copy-Preis von vier Euro. Die Vermarktung erfolgt durch BM Brand Media, der Vertrieb über BPV Medien Vertrieb.

Hintergrundinformationen zu PSYCHOLOGIES:

Das Magazin für ein besseres Leben schafft die Verbindung zwischen Herz, Körper und Geist. PSCHOLOGIES ist eine international erfolgreiche Marke und erscheint aktuell in acht Sprachen - ab Herbst 2013 auch in Deutschland. Das luxuriöse Premium-Frauenmagazin beschäftigt sich neben Themen wie Selbstvertrauen, Freundschaft und Partnerschaft auch mit gesellschaftlich politischen Fragen, Analysen und Reportagen, die durch Themenbereiche wie Nachhaltigkeit, Lebensart, Genuss, Wohlbefinden für Körper (Style, Mode, Beauty, Ernährung) und Geist (Literatur, Film, Kunst, Reise) ergänzt werden. PSYCHOLOGIES Deutschland erscheint im MADAME Verlag, der mit Kompetenz der MEDIA GROUP MEDWETH agiert. Lizenzgeber ist das französischen Verlagshaus Groupe Psychologies, ein Tochterunternehmen der Lagardère Gruppe.-PM von Psychologies-

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Kommentar: Jonathan Meeses Tipp-Fehler - ist keiner!

 

Genau Herr Meese: Der Tipp-Fehler

von Karl-Peter Gerigk

Als ich in der Kneipe die Rechnung bestellte – staunte ich nicht schlecht, als der "Halfe Hahn" – mit meinen Kölsch´ zusammen 7 Euro fünfzig – oder anders: 7.50 Euro kostete. Es war mir etwas zu teurer – aber ich sagte: "aufrunden". Was ich auf meinen Zwanziger zurück bekam, waren 10 Euro: Zehn Euro – die Kellnerin bedankte sich herzlich – und eilte von dannen. Meine weibliche Begleitung sagte: - das war zu viel. Ich war etwas verduzt. Nun sollte man wissen, dass 10 Prozent Trinkgeld im Allgemeinen bei Kleingerichten und geringem Aufwand für den Service genug sind. Aber ich fühlte mich im Ambiente des "Früh" in Köln wohl, der Köbes schenkte aufmerksam nach – und ich gab gerne.

 

jonathan_meese.jpg Jonathan Meese, Foto: berlin.de

Ach ja – "Tip" – ist der Kellner-Slang für Trinkgeld. Wo lag jetzt der "Fehler" – war er überhaupt einer? Oder hatte mich die hübsche Kellnerin... – auch muss man wissen, dass es im Früh in der Regel nur den "Köbes" gibt – falsch verstanden. Dann kam der Köbes und wollte Siebeneurofünfzig. Ich stellte fest, dass die Kellnerin, die ich in der Tat vorher nicht gesehen hatte, wohl nur zufällig vorbei kam, wohl von einer anderen Stelle – mit Kellner-Börse – und spontan regagierte – als ich "zahlen bitte" rief. So zahlt man Lehrgeld!

 

Was ist nun „Tipp-Fehler“? Deutlich zu unterscheiden ist der Tipfehler von dem Tipp-Fehler und dieser von dem orthographischen Rechtschreibefehler. Das Vertippen geschieht flüchtig, wegen Schnelligkeit oder Beschleunigung durch andere – ist auf jeden Fall unbeabsichtigt – und...wirklich? Wie schreibt man Vernissage: vernis-sage, Wernissage, Wernis Sage oder Wernis-Arsch: Verzeichung!

 

Der Tippfehler ist zufällig, unbeabsichtigt und ärgerlich – oder doch beabsichtigt, gesetzt und provokativ – künstlerisch: Was sind Fehler?: Sie sind Abweichungen von der Norm – auch weil man Aufmerksamkeit erregen will. Der Hitlergruß von Jonathan Meese ist eindeutig Kunst – wie heute, den 14. August 2013, gerichtlich festgestellt. So bedarf es in der Tat der Recht-Schreibung, um jemanden von dem Verdacht des Nazis-mus loszusprechen...auch vom Narzismuß? Doch was ist der Fehler?

 

Schließlich ist die Durchbrechung der Norm bei Ernst Jandl offenkundig. Der Fehler ist menschlicher Ausdruck – wie die Form, mit Fehlern umgehen zu können und der sprachlichen Virtuosität sie zu vermeiden und zu setzen. Dies ist in anderen Zeichensprachen nicht anders. Aber was ist – wenn Zufälligkeiten, systembedingte Fehler-Erscheinungen psychischer oder technischer Natur neben der Zufälligkeit Regelmäßigkeit produzieren – gesellschaftlich, dudenmäßig? Wird dann der Fehler zur Norm? Oder ist der Fehler Botschaft, wenn er ab der Norm Ärgernis erzeugt? Er ist wohl nicht mehr wirklich Fehler, wenn er kein Interesse erzeugt, aber ist er dann noch Fehler – im Ausdruck? Die Kellnerin war wohl Wirt-uos ...aber nur nicht zu deutlich werden – denn der Fehler muss wirken! Gelacht hat sie nicht – aber gelächelt! Ist falsches Reden, Schreiben Tun – dann noch Protest, wenn es unbeachtet bleibt? Wann wird Protest Mode und ist der revolutionäre Gedanke modern? War ihre Täuschung gerechtfertigt – oder schlicht klever: Falschheit oder Lebensgeschicklichkeit?

 

Es ist wohl klar, dass gerade dort, wo Fehler Verständlichkeit eingrenzen – diese Fehler-Erscheinungen fehl am Platze sind – Oder?: - es sei denn, sie sind Ausdruck von Unbehagen – mit der persönlichen oder gesellschaftlichen Situation. Gänzlich absurd wird der Fehler dort, wo er im mathematischen Zusammenhang die Explikation und das Verstehen erschwert oder gänzlich unmöglich macht. Er erzeugt Beschäftigung – hoffentlich! Hier verwischen die Grenzen von exakter Wissenschaft und Kunst – hier schließt Kunst Naturwissenschaft ein – und umgekehrt.

 

Natur ist nicht fehlerlos – ganz wie man es sieht: - aus evolutionären oder aus moralisch-edukativen Gründen. Schließlich soll nicht mehr erschließbar sein, was Tipp- und was ungewollter Rechtschreibefehler ist – auf das der Mensch hier denke! Die Dechiffrierung wird obsolet bis unmöglich – der Fehler erzeugt in mannigfaltiger Wiederholung seiner Absicht Obsoleszenz – ist, wenn er zu Norm wird, in seiner Bedeutung degradiert – oder erhält gerade deswegen eine Sinndeutung. Der Sinn vergeht – oder gewinnt hier erst Bedeutung – ergibt sich neu – durch Verstehen des Gesamtzusammenhangs. Wer sich aber in Erbsenzählerei vergeht – verliert Sinn – den eigenen – Was bin ich, warum tute ich was....? In diesem Sinne gibt es keinen Fehler – auch kein künstlerisch Falsches – oder Aufmerksamkeit heischendes Tun in der Kunst – sondern Sinnstiftung oder Sinnentleerung. Vervielfältigung und maximale Häufigkeit ist im Sinne der Kunst Kitsch – im Sinne der Demokratie die Mehrheit -  von Kunstfehlern in allen Wissenschaften ganz zu schweigen! Es ist aber ein Problem, wenn der Kunstfehler ein Paradigma wird - oder unbegründbares Dogma - im Erkennen dessen liegt aber die Chance! Bravo Herr Meese!

Haben Sie schließlich eine Anzahl vom Mustern des gleichen Motivs - was ist Original und was Fälschung? Was ist fehlerhaft - was meisterhaft? Ist es die Mehrheit die Qualität bestimmt - oder der Experte - der Fachmann, der Expertise macht - oder der Modegeschmack und das Gewinnmaximum, das Erfolg kennzeichnet. Und was ist dann gut?!

Hier ist ein Diktat – : also da sagt einer, der Chef – der Sekretärin, was sie schreiben soll,- und der Duden wie... - der Kunst nur insoweit zu billigen – als sie den Sinn eines Objektes – sei es des Wortes, des Bildes und der Tat, in den Zusammenhang des Menschseins stellt. Ja – Herr Meese! Es ist eine Interpunktion in der Kunst! In diesem Sinne ist die Vielheit der Falschheit nur dann Fehler – wenn überhaupt – wenn sie dem Menschlichen widerspricht. Nietzsche sagte im Dämmerzustand seiner letzten Jahre – der teilweise unterstellt war – und keine Demenz – vielleicht ein Grad des Nirvana´: Es ist die Kunst, die Kunst – und nur die Kunst!

 

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Gespräch mit dem Musiker, Maler und Poeten Michael Gottschalk aus Sinzig am Rhein

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Michael Gottschalk in seinem Atelier im "Haus Morandi" in Sinzig


"Der Mensch wird formatiert"

EN: Etwas vor dem vereinbarten Zeitpunkt stehe ich vor dem "Atelierhaus Morandi“ - in Sinzig. Ein kleines Schild an der Tür in der Renngasse zeigt mir, dass ich richtig bin. Ich klopfe. Michael Gottschalk öffnet mir die Tür – und bittet mich einzutreten. In der Ecke stehen Gitarren – an der Wand des Wohnzimmers hängen selbst gemalte Bilder.

Gottschalk: „Kunst ist für mich wie essen und trinken, Notwendigkeit des Lebens und der Entwicklung. Früh habe ich als Kind gezeichnet, Fabelwesen erfunden. Später wollte ich dann auch Schreiben und Musik machen. Dabei bin ich nicht den verschulten Weg gegangen. Ich habe mir das Meiste autodidaktisch angeeignet“, sagt Michael Gottschalk. „Die Grundbegriffe des Zeichnens und Malens hat mir aber Professor Spies von der FH Köln beigebracht. Dort habe ich zwischen 1990 und 1996 Architektur studiert. Schon vorher verquikten sich die Formen meines Ausdrucks. Mit 12 Jahren begann ich mit den ersten Gedichten in freier Form. Die Musik von Bob Dylan und Johnny Cash inspirierten mich zu den ersten eigenen Songs – mit etwa 15 Jahren, das war Anfang der 1980er Jahre.


EN: Die Grenzen zwischen den Kunstformen verschwimmen – betrachtet man ihre Bilder, die zurzeit in M.A.SH – dem Modern Art Showroom in Remagen zu sehen sind. Sie sind Musiker, malen und schreiben, um Emotionen zu wecken?

Gottschalk: „Ich will den Charakter der Musik abbilden – die Gefühle fixieren, die Musik zu erzeugen imstande ist. Die Interpreten spielen eine weniger große Rolle. Auch wenn Sie auf einem Bild Leonard Cohen erkennen – mir geht es nicht darum, eine Riege von Stars zu malen. Das Detail im Moment der Darstellung der Musik ist mir wichtiger“, sagt Gottschalk.

 

EN: Gottschalk arbeitet Tiefenstrukturen heraus, und gestaltet die Kleinigkeit derart genau, dass eine lebendige Anschauung entsteht. Er malt plastisch, so realitätsnah, dass eine lebendige Struktur gewoben wird – zwischen Musik und Malerei – und Text. An den Volumina der Fläche entsteht ein Spannungsverhältnis zur Präzision im Detail. Das Bild ist wirklichkeitsnah – aber konstruiert. Sieht der „naive Beobachter“ den Jazz-Interpreten, dann will er Louis Armstrong auch spielen hören, oder Michael Gottschalk. Gottschalk ist selbst ein genauer Beobachter, schöpft seine Idee aus der Betrachtung.

Gottschalk: „Ich habe eine Ausbildung als Bauzeichner. Sie lernen – das jeder Strich seine Bedeutung hat. Doch besteht immer die Gefahr, dass sie ein Bild „tot malen“ – dass es zu perfekt wird, besessen von einer konstruktiven Exaktheit – die es dann nur in dieser Abbildung gibt. Die Wahrnehmung ist selektiv. Der Mensch reduziert mit seinem Streben nach Perfektion die variable Kreativität und Schönheit der Natur in eine Funktion. Natur ist aber Gesamtheit und ihre Funktionalität ist Vielfalt,“ erklärt Gottschalk – und weiter: „...ich versuche mich auf das Wesentliche zu konzentrierten, nur eine Facette aufzugreifen – ohne den Blick für das Ganze zu verlieren.“

 

EN: Was ist die Botschaft?

Gottschalk: „Ich möchte den Betrachter dazu führen, inne zu halten, sich zu konzentrieren. Deswegen hebe ich den Aspekt hervor. Wir leben oftmals viel zu schnell und vergessen, übersehen Einzelheiten, die erst ein Gesamtbild ergeben. Für mich ist die Kamera das Skizzenbuch. In dem Augenblick, in dem ich etwas mit dem Fotoapparat festhalte – habe ich ein Element für die Komposition – das ich dann weiterentwickle.

 

EN: Entschleunigung ist ein Modethema?

Gottschalk: „Ja – aber es gibt Ursachen für diese Mode. Das Tempo wird gemacht. Dem Menschen wird ein Format vorgegeben – für sein Denken, sein Tun – und sein Fühlen. Es verliert sich die Eigenart, die Persönlichkeit...und die Gesundheit. „Burn-Out“ ist das Symptom einer erkrankten Gesellschaft, in dem der Einzelne im Produktionsprozess seine Wesenhaftigkeit verliert – zum Nutzen eines abstrakten Mehrwertes. Den Augenblick der Eigenerfahrung, die Konzentration auf das Selbst, will ich ein Stück weit zurückgeben.

 

EN: Herr Gottschalk – Vielen Dank!

 

Die Ausstellung von Michael Gottschalk ist noch bis zum 25. August 2013 in den Räumen des M.A.SH – „Modern Art Show-Room“ in Remagen zu sehen. Öffnungszeiten sind Samstag und Sonntag von 14:00 bis 17:00 Uhr. Der Eintritt ist frei.

 

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Das Gespräch führte Karl-Peter Gerigk

 

 

 

Gedichte von Michael Gottschalk:


Der Blick des Malers


Ihr Mauern,

gebürstet von Jahrhundertwinden,

gebrannt von tausend Sonnen,

füllt den Kelch meiner Erinnerung.


Es blüht euer Alter in meinen Gedanken.

Wie ausgegossen das Licht

über dem Hort gebrochner Farbe.

Vom Rot des Abends kostet ihr

und schwindet, sterbt so ewig schön

im Staub der Dämmerung.


Noch hält der Blick des Malers euch umschlungen,

tastend seine Hand nach einem Geheimnis,

das ihr nicht preisgebt. Wie

schweigen eure Testamente

schmerzvoll ihm entgegen.



Sehnsucht lauschen


Gehen auf Stelzen, wir

üben das Alphabet der Verbindlichkeit,

Hochmut härtet aus.

Die niederen Tage haben Durchzug

von Entfernung zu Entfernung

nichts als gehäckselte Luft.

Die juristischen Fangfragen im Schlepptau,

Zwergentanz und die Forderung

immer neuer Messpunkte für die Ingenieure.

Das Amt für seltene Bedürfnisse

hat keinen Platz für Eigensinn und

das Denken im Gleichschritt

macht so schläfrig.

Mein Mund archiviert Textbausteine, Fütterung!

Formlose Masse, mich schaudert.

Gelehnt an die Regelwerke der Vernunft

bin ich ein Fremdkörper geblieben und

rolle die dunkle Fahne der Erinnerung aus.

Will mich sammeln,

Sehnsucht lauschen.

 

 

 


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Von Liebe und Macht

EN: Auf Ihrer Internetseite schreiben Sie, dass die Liebe die Angst besiegt - oder es sollte. Sie schreiben in Ihren Büchern über Macht und Mord. Bedienen Sie damit die Bedürfnisse Ihrer Leser oder schreiben Sie was Ihnen gefällt?

 

Kempff: Sie haben recht: die Liebe sollte die Angst besiegen. Im privaten wie im öffentlichen Leben. Das hehre Ziel ist aber schwer zu erreichen, wie uns die Geschichte, die ältere und die sehr aktuelle, immer wieder vor Augen führt. Aus Angst wird zugeschlagen, werden Morde begangen. Wer Macht innehat, kann Wohltaten verrichten oder Verheerungen anrichten. Ich schreibe darüber, weil mich diese Themen selbst interessieren und ich gerne Geschichten erzähle. Ob ich damit den Bedürfnissen der Leser entgegenkomme, mögen diese selbst beurteilen. Ich hoffe, dass ich sie gut unterhalte.

 

EN: Sie sind von der Lust am Schreiben zum Journalismus gekommen und haben erst später begonnen Romane zu verfassen. Was treibt Sie heute an?

 

Kempff: Außer meiner Freude am Schreiben auch noch mein Verlag, mein Agent und mein Lebensgefährte.

 


EN: In Ihren Lebenslauf finden sich Stationen ihres Lebens und Erlebens – wie San Francisco, Berlin, Helsinki – auch Bonn – und die Eifel. Sammeln Sie aus dem konkreten Lebensumfeld Stoff für Ihre Geschichten?

 

Kempff: Selbstverständlich. Das gilt sogar für meine historischen Romane. Ich schöpfe aus der eigenen Lebenserfahrung, aus der anderer, aus der Atmosphäre einer Umgebung und bin immer etwas unglücklich, wenn ich einen bestimmten Schauplatz nicht selbst in Augenschein nehmen kann. Deshalb habe ich mich für mein neues Buch auch auf die Spuren der Katharer in Südfrankreich begeben. Die Rebellin von Mykonos spielt auf der griechischen Insel, auf der ich selbst jahrelang gewohnt habe; in Die Schattenjägerin schildere ich, wie die Wittelsbacherin Jakoba von Bayern die von ihrem Vater ererbten “niederen Lande” verlor. Da konnte ich ebenfalls vor Ort recherchieren, da ich dreizehn Jahre in Amsterdam gelebt habe. Und meinen zeitgenössischen Roman, der ursprünglich unter dem Titel Die Frau, die nichts tut erschien und jetzt als Die Eigensinnige im Handel ist, betrachte ich nicht als autobiografisch, sondern als autogeografisch, da sich die Handlung in Amsterdam, Finnland und Berlin abspielt.

 

EN: Während Ihres Aufenthalts in Amsterdam erscheint Ihr erster historischer Roman „Die Marketenderin“ erst 1998 – nach langen Jahren als Redakteurin und Übersetzerin. Dann geht es Schlag auf Schlag. (Initialzündung?)

 

Kempff: Nein, spätes Glück. Ich hatte schon zuvor diverse Romane geschrieben, für diese aber nie einen Verlag gefunden. Die Marketenderin hatte ich auf Anregung eines Cousins geschrieben, der selbst Verleger war und den Weitbrecht Verlag in Stuttgart für den Roman interessieren konnte. Die Geschichte unserer gemeinsamen Vorfahrin, die als Marketenderin 1812 mit Napoleon nach Russland zog, fand viele Leser, die danach mehr von mir lesen wollten. Ich bin froh, jetzt vom Bücherschreiben leben zu können, aber dafür muss (und möchte) ich weiter schreiben. Aus der Berufung ist eben auch ein Beruf geworden.

EN: Als Sie in der Eifel waren, haben Sie einen Kriminalroman geschrieben.

 

Kempff: Und meine Karolinger-Frauen-Trilogie, Die Königsmacherin, Die Beutefrau und Die Welfenkaiserin. Auch hier hat meine Umgebung den Anstoß gegeben, nämlich die Information, dass Karl der Große vermutlich in Prüm in der Eifel geboren wurde. Der Krimi war eine wunderbare Erholung nach einem jahrelangen Aufenthalt im Frühmittelalter. Vermutlich werde ich in Zukunft zwischen beiden Genres pendeln.

 

EN: Ihre Protagonisten sind meist Frauen – historische und besonders facettenreiche Figuren. Können Feministinnen von diesen Persönlichkeiten lernen? (Passen Ihre Frauen in unsere Zeit?)

 

Kempff: Ich schreibe nicht, um zu belehren, auch wenn ich selbst bei der Recherche sehr viel lerne und mich freue, diese Erkenntnisse schön und unterhaltsam verpackt weiterzugeben. “Meine” Frauen haben alle ein historisches Vorbild und sind aus ihrer eigenen Zeitgeschichte heraus zu verstehen. Die mühe ich mich aber so zu schildern, dass wir uns heute darin auch wiederfinden können.

 

EN: Sie entführen den Leser in eine historische Vergangenheit – und relativieren damit das Heute unserer Gesellschaft (die heutigen Moralvorstellungen)?

 

Kempff: Natürlich können wir die mittelalterlichen Lebensumstände mit den heutigen kaum vergleichen. Doch grundlegende Wünsche und Sehnsüchte haben sich im Laufe der Jahrhunderte kaum verändert. Aber nicht nur darin ist sich der Mensch treu geblieben. Wenn Ludwig der Fromme mit den historisch überlieferten Worten “Gott steht auf unserer Seite” zu einem Krieg aufruft, kommt uns das heute doch auch recht bekannt vor, oder nicht? Und ist vielleicht auch ein trauriger Beweis dafür, dass der Mensch aus der Geschichte wenig zu lernen weiß.

 


EN: In Ihrem neuen Roman „Die Kathedrale der Ketzerin“ (2010) berichten Sie von der Verfolgung der Katharer, von Clara, die dem Inferno entkommt – und Ihrer Freundschaft mit Blanka von Kastilien, die auf eine schwere Probe gestellt wird. Sie kritisieren die Kirche und stellen die Unzulänglichkeit des Menschen – dessen Zwänge und Schwächen – in den Mittelpunkt?

 

Kempff: Ich kritisiere nicht die Kirche als solche, sondern schildere, wie es zur fürchterlichen Einrichtung der Inquisition kommen konnte – weil die römisch-katholische Kirche des Mittelalters um ihre Macht fürchtete. Zwänge und Schwächen des Menschen, aber auch seine Kraft, diese überwinden zu können, sind der Stoff, aus dem gute Romane gemacht werden sollten, finde ich.

 


EN: Welche Rolle spielt für Sie Gott und die Religion heute - sind Sie nur dramaturgisches Mittel für Ihre Texte?

 

Kempff: Auch auf die Gefahr hin kitschig zu klingen: Ohne Herzblut geht bei mir gar nichts. Die Frage nach dem Woher, dem Wohin und dem Warum beschäftigt mich erheblich mehr als ein Kalkül der Dramaturgie. Und wer sich mit dem europäischen Mittelalter beschäftigt, muss sich auch mit der Entwicklung der Religionen auseinandersetzen, vor allem mit der des Christentums. Dem Schreiben meines Buchs Die Kathedrale der Ketzerin ist unter anderem ein gründliches Bibelstudium vorangegangen.


EN: Was ist Ihr nächstes Projekt/Buch ?

Kempff: Mein zweiter Eifelkrimi. In ihm geht die Geschichte von der Einkehr zum tödlichen Frieden weiter. Ich habe ihn gerade abgeschlossen. Er wird im Dezember unter dem Titel Pendelverkehr bei Piper erscheinen.

 

Frau Kempff – Vielen Dank!

Die Frangen stellte Karl-Peter Gerigk für "Europa-Nachrichten"

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